Ideenmanagement

Der Siegeszug eines irreführenden Begriffs

Sind "Verbesserungsvorschlag" und "Idee" Synonyme?

Das Wort Idee kommt vom altgriechischen ἰδέα für Gestalt oder Aussehen. Es hat heute mehrere Bedeutungen:

  • In der Philosophie sind Ideen abstrahierte Vorstellungen der wahrnehmbaren Phänomene ("Idee des Guten").
  • Eine Idee kann auch ein Leitbild sein, das jemanden in seinem Denken und Handeln bestimmt ("für eine Idee kämpfen").
  • Seltsamer Weise steht der Begriff auch für eine kleine Menge ("eine Idee Zucker beigeben").
  • Und schließlich kann mit Idee ein guter Einfall, ein schöpferischer Gedanke gemeint sein.

Beim Ideenmanagement geht es um die letztgenannte Wortbedeutung, also um die kreativen Einfälle. Diese können sich in vielerlei Art äußern:

  • Wo man dieses Jahr im Urlaub hinfahren könnte
  • Wie man Wind- und Sonnenergie effizient speichern könnte
  • Was man heute Abend statt Fernsehen gucken machen könnte
  • Wie man eine Bank ausrauben könnte, ohne dabei geschnappt zu werden
  • Was man der Tochter zum Geburtstag schenken könnte
  • Wie man sein Geld besser anlegen könnte, als auf einem Sparbuch
und so weiter und so fort.

Auch während der Arbeit kommen einem die verschiedensten Ideen:

  • Wie man seinem Chef erklärt, dass der Bericht immer noch nicht fertig ist
  • Wie man die neue Werbeanzeige gestaltet
  • Wie man die Belegschaft sozialverträglich abbaut
  • Wie man die neue Kollegin im Büro nebenan am erfolgversprechendsten anbaggert
  • Wie man die Preisverhandlung mit einem bestimmten Lieferanten erfolgreich führt
  • Wie man sporadische Störungen an einer Maschine pfiffig verhindern könnte

Na endlich! Beim letzten Beispiel ging es zur Abwechslung mal um einen Kandidaten für das Ideenmanagement. Denn das war eine Idee, die eine sogenannte Verbesserung beinhaltete, und nur für diese spezielle Art von Ideen interessiert sich das Ideenmanagement.

Verbesserungsvorschläge sind nur eine Teilmenge aller Ideen

Wie man an den Beispielen sieht, sind Verbesserungsideen lediglich eine Teilmenge aller Ideen. Nicht jeder kreative Gedanke befasst sich mit der Verbesserung von Prozessen oder Produkten.

Und es ist keineswegs so, dass sämtliche Verbesserungsideen über das Ideenmanagement laufen. So auch bei unserem Beispiel:

  • Vielleicht war es bei den sporadischen Störungen der zuständige Abteilungsleiter, der die Lösung entdeckte.
  • Oder ein Mitarbeiter am unteren Ende der Hierarchie, der dies einfach auf dem normalen Dienstweg mit seinem Chef besprach.

Beim Ideenmanagement landet nur ein Bruchteil aller Verbesserungsideen: Diejenigen, die in der Hoffnung auf eine Prämie dort als Verbesserungsvorschlag eingereicht werden.

Obwohl der Begriff Ideenmanagement suggeriert, dass hier im großen Maßstab Ideen aller Art gemanagt werden, geht es in Wirklichkeit nur um einen relativ kleinen, in der Grafik roten Teil aller Ideen:

  • Ideen, die vielleicht etwas verbessern können
  • und als Verbesserungsvorschlag (VV) dort eingereicht werden.

Für diese Art der Ideen gibt es den bereits erwähnten und sehr treffenden Begriff: Verbesserungsvorschlag. Für die Relation zwischen Idee und Verbesserungsvorschlag gilt:

  • Jeder Verbesserungsvorschlag ist eine Idee.
  • Aber nicht jede Idee ist ein Verbesserungsvorschlag.

Das Wort Verbesserungsvorschlag impliziert nicht einmal, dass das Ideenmanagement involviert sein muss. Es besteht lediglich die Möglichkeit, dort einen Verbesserungsvorschlag einzureichen, damit er in einem standardisierten Prozess geprüft und im Erfolgsfall umgesetzt und prämiert wird.

Vorschlagswesen wird Ideenmanagement

Seit über hundert Jahren wird die Institution, die sich um diese Teilmenge von Ideen kümmert, korrekter Weise als "Verbesserungsvorschlagswesen" oder kurz "Vorschlagswesen", um Missverständnisse auszuschließen auch als "Betriebliches Vorschlagswesen" (BVW) bezeichnet.

Wohl kaum jemand wäre auf die Idee gekommen, das "-wesen" auf "-management" abzuändern und diese Institution mit Verbesserungsvorschlagsmanagement oder Vorschlagsmanagement zu titulieren.

In den letzten zwanzig Jahren wurde sie aber bei den meisten Firmen in Ideenmanagement umgetauft.

Ideenmanagement ist eine deutsche Wortschöpfung. Anders, als man vielleicht vermuten könnte, ist es keineswegs so, dass im englischen Sprachraum der Begriff "Idea Management" gebräuchlich ist. In Großbritannien heißt das in der Regel "Suggestion Scheme" und in den USA "Suggestion System". Beide Versionen übersetzt man wohl am treffendsten mit Vorschlagswesen.

Vision von Siegfried Spahl

Der Begriff Ideenmanagement wurde 1975 in Österreich von Siegfried Spahl geprägt. Er meinte damit ein System, "das sich der Nutzung aller Ideen- und Kreativitätsmethoden auf breiter Basis verschreibt und das alle Aktivitäten, die in einem Nahverhältnis oder in einer Wechselbeziehug zum Vorschlagswesen stehen, mit einschließt." Dazu zählte er u.a. Wertanalyse, Zero Defects, Qualitätsförderung, Muster, Marken und Patente.1

Seit Mitte der 1990er Jahre setzt sich dieser Begriff aber als Synonym für das Betriebliche Vorschlagswesen (BVW) durch. Wobei in manchen Firmen auch die in sogenannten KVP-Gruppen entwickelten Verbesserungen zu diesem Ideenmanagement gezählt werden.

Der Siegeszug dieses Begriffes, der
  • Ideen irreführender Weise auf Verbesserungsvorschläge reduziert
  • nichts mit der umfassenden Vision von Spahl gemein hat
  • in eklatanter Weise am Kern der Sache vorbeigeht
ist frappierend.

Andererseits aber auch naheliegend: Denn wer wird sich freiwillig "Beauftragter für das Verbesserungsvorschlagswesen" oder "BVW-Beauftragter" bezeichnen, wenn er sich stattdessen hochtrabend "Ideenmanager" nennen kann.

Das funktioniert ja auch, weil uns keiner zuruft: "Sag mal, spinnt Ihr eigentlich? Idee ist doch kein Synonym für Verbesserungsvorschlag!"

1   Siegfried Spahl: Handbuch Vorschlagswesen. Praxis des Ideenmanagements. Verlag Moderne Industrie, Augsburg 1975, S. 20.

© 2017 Peter Koblank